Humane AI PIN: Ein KI-Produkt, welches 2 Mal gestorben ist

Gumane AI PIN war ein erstes KI Produkt mit dem Ziel, das Smartphone langfristig zu ersetzen. Mit einem Laser konnte agiert werden, denn es hat kein Display.

Der Humane AI PIN war nicht einfach ein weiteres tragbares Gerät, sondern ein ehrgeiziges Vorhaben mit Anspruch: ein persönlicher KI-Begleiter, der – ganz im Stil von Science‑Fiction – auf eine neue Art mit seiner Umwelt interagieren sollte. Doch hinter dem leuchtenden Versprechen stand eine Geschichte mit Höhen und Tiefen – eine Geschichte von Technologie, Hoffnung, Scheitern und digitalem Widerstand. Dieses Produkt ist ironischerweise 2 Mal gestorben, einmal offiziell durch den Hersteller und ein weiteres Mal durch die Community. Wir sehen uns das nun genauer an.

Gründung von Humane: weltweiter Hype, hohe Investments

Die Gründer von Humane, Imran Chaudhri und Bethany Bongiorno, hatten zuvor eine beeindruckende Bilanz: Sie hatten bei Apple mitgewirkt und waren am Design bzw. der Produktentwicklung rund um iPhone und iPad beteiligt. Ihre Erfahrung in der High-End-Produktentwicklung und im Zusammenspiel von Hardware, Software und Nutzererlebnis erweckte sofort großes Interesse, als sie sich einem eigenen, mutigen Projekt widmeten.

Durchaus konnte der Einfluss von Apple gesehen werden, denn das Ladecase vom AI PIN hat ziemlich an das Ladecase der AirPods erinnert und auch die Web-Oberfläche, womit das Produkt verwaltet werden konnte, hat an das typische Apple-Design erinnert. Das ist aber nicht schlecht, sondern eindeutig positiv. Man kannte sich auf Anhieb aus und das Design war eine Augenweide.

Unter dem Namen Humane wurde also eine Firma gegründet, die – mit namhaften Investoren und einer starken Vision – das nächste Kapitel der persönlichen Technologie schreiben wollte. Das Ergebnis: ein Luxus-KI-Produkt, das nicht nur technisch spannend sein sollte, sondern auch ästhetisch und im Alltag präsent.

Zu den Investoren zählten unter anderem Sam Altmann von OpenAI, Microsoft, Volvo und LG. Ich denke, dass Sam Altmann das Produkt sehr intensiv verfolgt hat, um das Unternehmen zu kaufen. Mit Jony Ive arbeitet er mittlerweile an einem ersten OpenAI-Produkt. Die Zusammenarbeit wurde vor einigen Wochen verkündet.

Das Versprechen des AI PIN

Der AI PIN war kein Smartphone – das war ausdrücklich Teil des Versprechens. Keine Bildschirme, keine Tasten, kein Display, das man wie gewohnt nutzt. Stattdessen setzte Humane auf eine Kombination aus Projektion, Mikromaschinen, KI-Modellen und einem Wearable-Aufsatz, der Informationen direkt in die Umgebung einblenden sollte. Im Kern: eine „Augmented-Reality-Assistenz“, die dezent mit der Umgebung verschmilzt.

Doch Vision und Realität – das zeigte sich schnell – schlagen oft unterschiedliche Bahnen.

Vom Hype zur Enttäuschung: Preis, Abo und Rückgaben

Der Preis war hoch – zu hoch?

Humane positionierte den AI PIN als Premiumprodukt – und genau so wurde es bepreist: 700 US-Dollar war die Anschaffungskostenlinie. Doch das war nur der Einstieg. Für den Betrieb und Zugriff auf die KI-Funktionen verlangte Humane monatlich 23 Dollar Abo-Gebühr. Damit sollte offenbar sichergestellt werden, dass Nutzer dauerhaft an die Plattform gebunden werden – und das Unternehmen dauerhaft Einnahmen generiert. Selbstverständlich auch, um die Kosten zu bezahlen, die unweigerlich durch die Nutzung von KI entstehen.

Als das Produkt im Jahr 2023 veröffentlicht wurde, waren die Kosten weitaus höher, als sie es heute sind. Außerdem muss hier angemerkt werden, dass 2023 die KI um ein vielfaches langsamer gearbeitet hatte.

Doch diese Kalkulation rief bei vielen potenziellen Kunden Stirnrunzeln hervor: Warum sollte man für ein Gerät mit so hoher Einstiegshürde zusätzlich laufend zahlen? Warum kann nicht zumindest ein eigener OpenAI-API-Key hinterlegt werden? Diese Freiheiten gab es leider nicht, es war ein geschlossenes System.

Nutzer geben den AI PIN massenweise zurück

Direkt nach dem Launch wurden große Erwartungen geweckt, doch die Umsetzung konnte nicht alle bedienen. Viele Käufer fühlten sich enttäuscht:

  • Die Leistungsfähigkeit war in vielen Fällen hinter den hohen Erwartungen zurückgeblieben, gerade wenn man Preis und Abomodell berücksichtigt.
  • Einige Kernfunktionen liefen instabil oder mit Einschränkungen.
  • Besonders bitter: Viele Käufer gaben ihr Gerät zurück – die Rückgabewellen waren erheblich.

Letzten Endes erreichte Humane nicht die Nachfrage, die man sich erhofft hatte.

HP steigt ein – und zieht den Stecker

Als die finanziellen Schwierigkeiten größer wurden, griff HP zu: Der Konzern kaufte Humane. Doch anstatt das Produkt weiterzuführen, entschied man sich, den Dienst einzustellen. Der AI PIN war de facto tot. Es ging HP hierbei nicht um das Produkt oder um die Nutzer, sondern um die äußerst fähigen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter von Humane.

Für Käufer bedeutete das: Wer innerhalb der letzten 90 Tage vor der Abschaltung gekauft hatte, erhielt sein Geld zurück; alle anderen gingen leer aus. Ein harter Schnitt – und ein bitteres Ende für viele Frühkäufer.

Die ersten Käufer, die sogenannten Early Adopter, hatten gehofft, dass sie die ersten Nutzer einer Produktrevolution sind. Seien wir ehrlich: Wenn die Versprechen eingehalten worden wären, dann hätte aus dem Produkt etwas werden können. Es hätte nicht geschadet, das Produkt ein oder zwei Jahre später auf den Markt zu bringen. Es war einfach zu früh.

OpenPIN: Die Hacker‑Gemeinschaft als letzte Rettung?

Es gab aber eine Hoffnung. Wenn es das Unternehmen nicht schafft, dann vielleicht die Community. OpenPIN könnte weiterleben, denn auf dem Smartphone können wir die KI-Funktionen, die hiermit auch möglich sind, ebenfalls umsetzen.

Als Humane/HP den Dienst abschalteten, war der AI PIN technisch zwar noch funktionsfähig, aber ohne Zugang zur Serverinfrastruktur praktisch wertlos. Die Nutzer konnten allenfalls noch den Akkustand abfragen – mehr war nicht mehr möglich.

Für einige Technikbegeisterte war das jedoch kein Endpunkt, sondern ein Impuls. Der Gedanke: Könnte man die Funktionen zurückbringen – durch eine Open‑Source-Alternative, die nicht von einem zentralen Server abhängt?

So entstand das Projekt OpenPIN: eine Community-Initiative, um den AI PIN, der offiziell tot war, wiederzubeleben. Die Software musste hierfür aber geknackt werden, das erinnert ein wenig an die damaligen Jailbreaks für das iPhone, iPod touch und iPad.

Technischer Hintergrund & Grenzen von OpenPIN und dem AI PIN

Einmal zur Verdeutlichung:

  • Durch Abschaltung der offiziellen Server war der Funktionsumfang auf ein Minimum reduziert (z. B. Akkustand).
  • Die Community machte sich daran, alternative Software und Protokolle zu entwickeln.
  • Ziel: Die ursprünglichen Funktionen wie Spracherkennung, Projektion und KI-Anbindung wieder nutzbar machen, ohne auf Humane’s Infrastruktur angewiesen zu sein.

In einem gewissen Sinne war OpenPIN eine Art „Reclaiming“ des Geräts – Nutzer und Entwickler zurückzuholen, was ihnen genommen worden war.

Doch auch OpenPIN stirbt: Entwickler zieht sich zurück

Die Begeisterung war groß, besonders in technischen Kreisen von Bastlern und Enthusiasten. Aber – und das ist wichtig – OpenPIN hatte kein langfristig gesichertes Fundament:

  • Der Entwickler, der das Projekt federführend betrieben hatte, stellte die Arbeit im April 2025 ein.
  • Ohne weitere Community-Unterstützung und Ressourcen verkam das Projekt allmählich.
  • OpenPIN wurde – ohne große öffentliche Abschiedsmeldungen – ebenfalls zum Auslaufmodell.

Der Entwickler hatte auf Discord verkündet, dass er sich zurückzieht, da er auf seine mentale Gesundheit achten musste. Sicherlich war das ein großer Druck und scheinbar hatte sich die Hacker-Community sich nicht darum bemüht, wie es damals bei den Jailbreaks der Fall war. Hätte es so eine Art von Unterstützung auch in diesem Fall gegeben, wäre es wahrscheinlich weitergegangen.

Das Projekt ist aber eben nicht so beliebt, wie die iOS-Geräte, denn es gab mehrere tausend Käufer des AI PIN, viele hiervon hatten kein Interesse am OpenPIN-Projekt gezeigt und neue Nutzer konnten nicht hinzustoßen. Es war abzusehen, dass ein Ende kommt. Die Software lässt sich aktuell noch weiternutzen, aber eben ohne neue Funktionen und Fehlerbehebungen.

So blieb der AI PIN ein gescheitertes Experiment – und auch die Open-Community-Rettung blieb nicht dauerhaft bestehen. Es ist damit das KI-Produkt, welches 2 Mal gestorben ist.

Lehren, Kritik und Ausblick: Das Learning aus dem AI PIN

Was lief schief? Welche Lehren können wir daraus ziehen, um beim nächsten KI-Produkt nicht wieder in einem Hype zu verfallen, dem das Produkt vielleicht sogar schaden könnte? Was müssten die Hersteller und Entwickler eines neuen KI-Produkts umsetzen oder beachten?

Schauen wir uns die größten 4 Punkte an:

  1. Preis & Abo-Modell
    Den AI PIN als Luxusprodukt zu positionieren und gleichzeitig ein dauerhaftes Abomodell aufzuzwingen, war riskant. Für viele Käufer war das zu viel: Der Einstiegspreis plus laufende Kosten wurde als Hemmschwelle wahrgenommen.
  2. Technische Ambitionen vs. Realität
    Viele KI- oder AR-Funktionen waren noch nicht marktreif – gerade in einem Gerät mit so minimalistischer Hardware. Die Latenz, Stabilität oder Qualität der Ausgaben konnten nicht immer überzeugen.
  3. Abhängigkeit von zentraler Infrastruktur
    Der AI PIN war von Anfang an auf die Server von Humane angewiesen. Als diese abgeschaltet wurden, war das Gerät nahezu unbrauchbar. Das zeigt eine grundsätzliche Schwäche vieler moderner IoT- und KI-Produkte: Wenn der Cloud- oder Server-Teil fällt, ist das Gerät oft nutzlos.
  4. Fehlende langfristige Nachhaltigkeit
    Selbst OpenPIN konnte nicht dauerhaft überleben, weil Ressourcen, Community‑Unterstützung und Entwicklungsaufwand nötig sind.

Was bleibt – und was wäre möglich gewesen?

Trotz des Scheiterns kann man aus dem Projekt viel lernen – und auch Inspiration ziehen:

  • Dezentralisierung & Offline-Funktionen: Geräte, die zumindest teilweise autark agieren können, sind robuster gegenüber Anbieter-Ausfällen.
  • Transparenz & Open Standards: Wenn Humane von Anfang an offenere Schnittstellen oder gar Open-Source-Teile eingebaut hätte, wäre OpenPIN nicht bloß eine Rettungsaktion gewesen, sondern vielleicht Bestandteil einer nachhaltigen Strategie.
  • Preisstrategie mit Bedacht: Ein hohes Einstiegspreis-modell mit zusätzlichen Abos muss sorgfältig kommuniziert und gerechtfertigt sein.
  • Community als Vorteil: Projekte, die von Anfang an mit einer Community zurechnen und ein Ökosystem fördern, haben langfristig stabilere Chancen.

Fazit

Der AI PIN war ein mutiger, visionärer Versuch – aus einer Idee, aus dem Hinterzimmer eines Startups, entstanden durch Veteranen aus dem Apple-Umfeld. Aber Vision allein reicht nicht. Letztlich scheiterte das Projekt an der Brücke zwischen Anspruch und Nutzererwartung, an wirtschaftlichen Zwängen und technischer Abhängigkeit.

OpenPIN zeigte, dass die Community bereit war, zurückzuerobern, was ihr genommen worden war. Doch auch diese Rettungsmission hatte kein dauerhaftes Fundament. So bleibt der AI PIN ein faszinierendes, aber gescheitertes Kapitel der Tech-Geschichte – ein Warn- und Lehrstück zugleich.